← RAVE CULTURE / Culture
Marcus Worgull: "Wer nicht besonders ist, fällt hinten rüber"
Der Kölner DJ und Produzent spricht über sein sozialwissenschaftliches Studium, neoliberale Strukturen in der Clubkultur und die Befreiung vom Zwang zur Neuheit. Ein tiefes Interview über Singularisierung, Klassengrenzen und den Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitsanspruch und internationalem Touring.
Marcus Worgull, seit Ende der 1990er Jahre regelmäßig auflegend und ab den 2000er Jahren international unterwegs, hat sich während der Pandemie an der FernUni Hagen für Sozialwissenschaften eingeschrieben. Aus einem Nebenprojekt wurde ein Vollzeitstudium – auch aus gesundheitlichen Gründen nach einem Schlaganfall. Inzwischen arbeitet er am Politikwissenschaftlichen Institut und bringt diese neue akademische Perspektive auf elektronische Musikkultur mit.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit untersucht Worgull, wie DJs von bewusst gesuchter Anonymität zu kulturell aufgeladenen Hauptprotagonisten wurden – gespiegelt in sozialen Medien und Selbstinszenierung. Sein Fokus liegt auf Andreas Reckwitz' Begriffen der Singularisierung und Valorisierung.
**Die Kernthese:** Während frühere Generationen Konformität suchten, wird heute das Besondere honoriert. "Wer nicht besonders ist, fällt hinten rüber." Man sucht ständig nach dem Alleinstellungsmerkmal.
**Neoliberale Strukturen in der Kultur:** Worgull schärft den Blick dafür, wie sich in der coolen Kulturwelt – gerade weil es oft keine festen Strukturen gibt – zwangsläufig neoliberale Strukturen durchsetzen. Das geschieht unter dem Deckmantel der Kultur, was das Ganze weniger offensichtlich macht.
**Distinktion und Klassengrenzen:** Clubs wie das Berghain funktionieren über kulturelle Schließung. Die Frage "Bin ich cool genug?" wird vor der Tür entschieden – eine willkürliche Auswahl über Habitus und kulturellen Standard statt nur über Geld. Ein Spiel mit der Würde, die über kulturellen Geschmack definiert wird.
**Der Preis der Teilhabe:** Festivals wie Dekmantel kosten heute dreistellig, plus Reise und teure Getränke. Die Preise sind deutlich stärker gestiegen als die normale Inflation. Wer arbeiten muss, bleibt ausgeschlossen – Festivalarbeit wird oft als Ehre statt als Bezahlung verkauft.
**Befreiung von der Neuheit:** Worgull hat sich vom Diktat ständig neuer Musik befreit. Heute fragt er sich: "Worauf habe ich wirklich Lust?" Er spielt bewusst auch ältere Tracks – wenn ein 18 Jahre alter Carl-Craig-Mix Gefühl für ihn hat, wird er ihn an einem Sonntag im Park-Café spielen.
**Performance-Erwartungen:** Während früher DJs im Dunkeln auflegten, wird heute Performance erwartet – mittanzen, sich bewegen, parallel auf Social Media inszenieren. Das Rollenverständnis hat sich komplett gewandelt. Junge Künstler:innen haben es schwerer, gegen diese Erwartungen anzukommen.
**Der Nachhaltigkeits-Widerspruch:** Worgull ist realistisch. Er flog kürzlich 20 Stunden nach Kanada für ein Zwei-Stunden-Set. "Wirklich nachhaltig ist das nicht." Doch es ist ein strukturelles Problem: Man braucht internationale Namen auf dem Plakat, und Künstler:innen wollen international auftreten. Die Ratlosigkeit ist überall sichtbar.
**Skalierte Wertaufladung:** Erfolg wird in Instagram-Zahlen gemessen. Algorithmen bestimmen Relevanz. Wir arbeiten für Meta und Google – und dabei "hat ja eigentlich überhaupt keiner Lust" auf die Social-Media-Arbeit. Reckwitz nennt das "Winner-takes-all"-Märkte: Diese kulturelle Aufladung sorgt dafür, dass nur wenige übrig bleiben.
Worgull bleibt ein Beobachter dieser Strukturen. Während Einzelne Alternativen schaffen, beschreibt die Theorie gesamtgesellschaftliche Phänomene. Sein Fazit: Ein oder zwei Auftritte im Monat empfindet er heute als Geschenk.
Quelle ansehen ↗